Mitleid und Tugendethik in einem Nazifilm?

Tut sowas ein deutscher Junge? Verantwortung und Mitleid in Napola - Elite für den Führer

Filmwissenschaft

„Tut so was ein deutscher Junge?“ Diese Frage stellt die Hauptfigur Friedrich Weimer zu Beginn des Films Napola - Elite für den Führer (D 2004) seinem kleinen Bruder, als dieser aus Angst vor der Kinderlandverschickung und der Trennung von seiner Familie zu weinen beginnt. Eine beifällig gestellte Frage, sicherlich. Und doch ist es diese Frage, die auch dem heutige Publikum am meisten ins Herz sticht: Hätte ich mich damals genauso verhalten? Diese Frage, dieses ethische Problem ist es, was den Film Napola prägt: Wie verhält man sich in einer Situation, welche durch die nationalsozialistische Gesellschaftsstruktur geprägt ist, wie reagiert man auf einen etwaigen Konflikt zwischen eigenem Wertesystem und auferlegten Anforderungen? Der Film ist also kaum eine historische Rekonstruktion des nationalsozialistischen Gesellschaftssystem, sondern vielmehr ein direkter Appell, nein, eine Fragestellung an das heutige Publikum: Was hättest du getan?

Napola arbeitet, zusätzlich zu dieser ethischen Fragestellung, jedoch auch mit einem anderen Diskursfeld, das viele der aktuellen deutschen Filme über jene Epoche beeinflusst. Der Körperdiskurs nämlich, der ja bereits in der Zeit des 'Dritten Reiches' eine prominente Rolle gespielt hat muss ebenso eingebunden werden – man denke nur an die Degradierung des weiblichen Körpers zur Reproduktionsressource, die Funktionalisierung des individuellen Körpers als einem, der sich dem 'Volkskörper' unterordnet, nicht zuletzt aber auch die Ästhetisierung des männlichen Körpers in Malerei, Plastik und Film. Benjamins Theorie der Ästhetisierung der Politik im Nationalsozialismus oder Friedländers These des Kitsch- und Todeskults des Nationalsozialismus deuten bereits an, dass beide Diskurse nicht getrennt betrachtet werden können. Scheinen nämlich ethische und Körperdiskurse zunächst auf völlig unterschiedlichenen Ebenen zu liegen, möchte ich doch argumentieren, dass es einen Zusammenhang gibt zwischen den beiden. Dieser Zusammenhang besteht bereits in der historischen Realität des nationalsozialistischen Deutschlands – man denke nur an die Bedeutung des Körperlichen in der nationalsozialistischen Werteauffassung oder die Metapher des 'Volkskörpers'. Umso mehr muss man also auch auf die Wechselwirkungen zwischen beiden Diskursen in Hinblick auf heutige künstlerische Werke wie Napola eingehen.

Zitation: Kulle, Daniel (2007): «‹Tut sowas ein deutscher Junge?› Verantwortung und Mitleid in Napola - Elite für den Führer». In: Margrit Frölich, Christian Schneider, Karsten Visarius (Hg.): Das Böse im Blick. Die Gegenwart des Nationalsozialismus im Film. München: edition text kritik, 219–230.

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  • edition text kritik
  • 2007