Welche Obszönitäten, mon dieu...

Wir haben nie gewusst, was unsere Tochter unter der Bettdecke macht. Sex-Filme zwischen Aufklärung und Masturbation

Filmwissenschaft

Film, als visuelles Medium, hat seit seiner Entstehung das Sexuelle mit einbezogen. Peeping Tom (American Mutoscope Comp., USA 1897) etwa zeigt – filmtechnisch zu der Zeit recht innovativ – einen Mann, der durch diverse Schlüssellöcher schaut und entsprechendes entdeckt. Bereits in den 00er und 10er Jahren überschwemmte eine Reihe von so genannten ‚Herrenfilms’ den Markt, gezeigt natürlich nur für 'reifes' Publikum. Und wer es sich leisten konnte, kaufte sich eigene Kameras und filmte sich oder andere.

Damals wie heute ist Film jedoch ein öffentlich wirksames Medium, das staatlich durch Zensur reguliert werden will gehört. Man kann zwar alles filmen, was man will, öffentlich verbreitet wird es nur unter den zeit- und landesgemässen Kriterien von Sitte und Anständigkeit. Doch Sitte und Anstand definieren sich nicht nur durch ihre Grenzen, sie beziehen diese auch laufend ein. Denn die Obszönität ist stets Publikumsfänger. So kocht das Sexuelle in der jeweils zeitgenössischen Weise immer wieder hoch. Als zu Beginn der Weimarer Republik die Zensur kurzfristig aufgehoben wurde, entstand zum Beispiel eine Reihe von Filmen über Prostitution oder Geschlechtskrankheiten. Immer natürlich mit dem voyeuristischen Aspekt im Hinterkopf. Richard Oswald, einer der prominentesten Ikonen dieser so genannten 'Sittenfilms', drehte gar einen der ersten Schwulenfilme, Anders als die Anderen (D 1919).

Wichtiger jedoch ist im Laufe der Geschichte und bis heute das Zwischenspiel von Film, Zensur, und gesellschaftlichen Normen. Zensur reflektiert zum einen gesellschaftliche Normen, hat aber auch immer einen pädagogischen Effekt (andernfalls wäre sie nicht nötig). Und der Film gleicht sich zwar an die Zensurbedingungen an, bedient aber auch die gesellschaftliche Doppelmoral zwischen öffentlich Darstellbarem und sublimen sexuellen Konnotationen.

Film konnte und kann diesem Zwiespalt als visuelles Medium gut umgehen. Der Rückgriff auf die erotischen Komponenten der Malerei, allen voran die Ästhetik des weiblichen Körpers, und das vage Andeuten von gesellschaftlich tabuisierten Themen waren und sind die beste Strategie, den Sex durch die Zensur zu bringen. In den prüden USA fand daher in den 50ern und 60ern die sexuelle Freizügigkeit der europäischen Filme besten Anklang. Selbst in Europa hatte Et dieu creá la femme (Roger Vadim, F 1956) mit der nacktbusigen Brigitte Bardot bereits Aufsehen erregt. Und als „Nacktbaden plus Sozialkritik“ bezeichnet der Filmkritiker Gunter Groll die schwedischen Filme dieser Zeit. Als dann in den 60ern die sexuelle Freizügigkeit auch breitere Schichten der Gesellschaft erreichte, und auch die Zensur ihre Bestimmungen gelockert hatte, waren Strategien gefragt, wie man mit diesem Zwiespalt der gesellschaftlichen Doppelmoral umgeht. Eine der filmischen Strategien war es, Sex zu veralbern und mit Slapstick zu verbinden. So entstanden also Filme wie Köpfchen in das Wasser, Schwänzchen in die Höh (Helmut Förnbacher, BRD 1969) oder die Graf-Porno-Reihe. Eine andere Strategie war es, den Sex ins Exotische auszulagern und bekannte Klischees anzusprechen: Das Schweden-Klischee gehört hier genauso dazu, wie das Lederhosen-Fensterl-Klischee...

Zitation: Kulle, Daniel (2007): «‹Wir haben nie gewusst, was unsere Tochter unter der Bettdecke macht›. Sex-Filme zwischen Aufklärung und Masturbation». Rosa — Zeitschrift für Geschlechterforschung 35, 25–27.

  • Rosa Zeitschrift für Geschlechterforschung
  • 2007