Müll, Schrott, Dreck, Schund

Behalten oder Wegwerfen. Zu einer Kulturtheorie des Mülls

Kulturtheorie

Weit vor der Etablierung industrieller Materialkreisläufe hat sich bereits zu Beginn der Neuzeit in der englischen Sprache die Unterscheidung zwischen Rohstoffen, Gütern und Abfall und damit auch ein Konzept von Müll als Wertzuweisung materieller Objekte durchgesetzt. Die industrielle Moderne, mit ihrem erhöhten und zunehmend linear verlaufendem Materialumsatz, mit ihrer Explosion des Haushalts- wie des industriellen Mülls auf der einen Seite, sowie auf der anderen Seite die kulturelle Moderne mit ihrem immer währenden Streit zwischen Hoch- und Populärkultur verändern die Situation. Der Begriff des trash wandelt sich zu einem umfassenden theoretischen Konzept eines kulturellen und/oder ökonomischen Anderen, das sich nicht nur aus technischen, ökonomischen, ökologischen und sozialhistorischen Diskursen zum Müll nährt, sondern auch einen ästhetischen Mülldiskurs umfasst. Auf diese Weise hat sich in den vergangenen Jahrzehnten eine umfangreiche kulturtheoretische Mülltheorie entwickelt, etwa von Wissenschaftlern wie John Scanlan (2005), Michael Thompson (2003), Susan Strasser (1999) oder den Autoren des Sammelbandes von Neville und Villneuve (2002), die Erkenntnisse der Ökonomie, Ökologie, Handlungstheorie, Psychologie und Anthropologie in einen umfangreichen – und durchaus heterogenen – Müllbegriff überträgt.

Ein eng gefasster Müllbegriff, der dem Alltagsverständnis des Wortes am ehesten entspricht, würde die ökonomische Seite von materiellen Objekten betrachten: Müll, das sind Objekte, die keinen Wert besitzen. Müll, das sind leere Jogurtbecher oder zerfetzte Plastiktüten. Ein weiter gefasster Müllbegriff jedoch würde sich durch das Ziehen von Analogieschlüssen auf andere Ebenen ausdehnen: Der Begriff des white trash etwa deutet auf die Möglichkeit eines soziologischen Müllbegriffes hin, der die inhumane Abwertung spezifischer gesellschaftlicher Gruppen oder Klassen mit sich führt. Der Müllbegriff kann sich auch auf das Gebiet des Körpers erstrecken, etwa im biologischen Exkretionsbegriff, im psychoanalytischen Abjektkonzept oder in den verschiedenen Hygienediskursen. Und mit Schlagworten wie Kitsch, Schund oder eben auch Trash betritt der Müllbegriff die Bühne der Ästhetik.

Zitation: Kulle, Daniel (2011): "Behalten oder Wegwerfen. Zu einer Kulturtheorie des Mülls". Kritische Ausgabe – Zeitschrift für Germanistik & Literatur, 16:22,16-19.