Wie der Hypertext zusammengehalten und auseinandergerissen wird

Wenn Erzählen aus dem Ruder läuft

Vortrag

Transmediales, crossmediales oder medienkonvergentes Erzählen ist en vogue, als Strategie der Serienproduktion wie als Thema der Wissenschaft. Gerade die Praktiken amerikanischer Fernsehsender der 90er und 00er Jahre, crossmediale Marketing-Strategien mit dramaturgischen Methoden zu verknüpfen, standen bisher im Fokus der Debatte. Auch Henry Jenkins beschränkt seinen in Convergence Cultures entwickelten Begriff des „transmedia storytelling“ ganz explizit auf Phänomene der letzten beiden Jahrzehnte, in denen medienübergreifendes Erzählen wirtschaftlich und im Voraus geplant wird, und in denen der einzige dramaturgische Unsicherheitsfaktor die erzählerische Kreativität des Fandoms ist.

Die Figur des Superman, die 1938 das erste Mal veröffentlicht wurde und seitdem das ikonische Universum der Populärkultur bereichert, soll zeigen, dass dieser Ansatz in mindestens zwei Aspekten differenziert oder gar revidiert werden muss:

Zum einen ist crossmediales Erzählen und eine Konvergenz der Medien keine Erfindung des Internetzeitalters. Digitalität, technische Vernetzung oder gar Schwarmintelligenz sind keine absolut notwendigen Vorbedingungen für die medienübergreifende Zusammenführung von Figuren, Stoffen und Erzählungen. Die Figur des Supermans ist von Beginn an eine, die über mehrere Medien hinweg erzählt wird. Die dramaturgischen Aspekte der gegenseitigen Ergänzung und des Weitererzählens, sowie die wirtschaftlichen Aspekte des crossmedialen Marketings sind folglich Strategien, die Firmen wie DC bereits in den 30er und 40er Jahren entwickelt hatten.

Zum anderen ist ein medienübergreifendes Erzählen einer Figur, dazu noch über mehrere Jahrzehnte hinweg, ein Prozess, der weit von der organisierten Planung etwa einer Serie wie Lost entfernt ist. Statt eines harmonischen Chors mit marktstrategischer Partitur ist es vielmehr eine Polyphonie der Stimmen, die auch Dissonanzen zulässt: Mehrere, oft unabhängig agierende oder schlecht koordinierte Teams arbeiten an eigenen Geschichten, die sie dem Superman-Universum anfügen. Die Inkonsistenzen, die dabei auftreten, werden durch fadenscheinige Erzählstrategien, wie etwa die Einführung paralleler Multiversen, nur unbefriedigend kaschiert. Die Tendenz der Autoren, der Figur Superman mehr und mehr Superkräfte zuzuschreiben, führt schließlich zu der Notwendigkeit, die Figur durch ein Relaunch wieder auf ein dramaturgisch verwendbares Maß zurechtzustutzen.

Jenkins Modell ist in seinem organisierten, planbaren Impetus noch deutlich an Konzepten der Kommunikationswissenschaft und des Marketings orientiert. Die Figur des Supermans zeigt, dass eine solche Planbarkeit und Strukturiertheit nicht auf jede Form transmedialen Erzählens anzuwenden ist. Methoden und Begriffe der Dramaturgie – die sich dann allerdings ihrer Fixierung auf das einzelne Werk entledigen müssten – können hier helfen.

Gesamten Vortrag anhören

Kulle, Daniel (2011): «Wenn Erzählen aus dem Ruder läuft». Vortrag im Rahmen der Tagung Dramaturgie und kein Ende? Dramaturgie an der Schnittstelle der Disziplinen. Humboldt-Universität, Berlin, 9. Juli 2011.