Spaß, Dilettantismus und Stadtkultur

Alle Macht der Super-8. Die Westberliner Super-8-Film-Bewegung und das Erbe des Punks

Buch

Die populär- und jugendkulturellen Bewegungen der späten 1970er und frühen 1980er Jahre gerieten in Berlin, und ganz besondere in Kreuzberg, in einen produktiven Konflikt mit zeitgenössischen Strömungen der Performance-Kunst. In diesem Berliner Gemisch aus Kunst und Subkultur stießen Dada, Fluxus oder Wiener Aktionismus auf Punk, New Wave oder Industrial. Orte wie das SO36, das ab 1978 zu einem konfliktträchtigen Kristallisationspunkt der Punk- und New-Wave-Bewegung in Deutschland wurde, oder Veranstaltungen, wie das „Festival Genialer Dilletanten“ (sic!) 1981 im Berliner Tempodrom, bezeugen die Bruchlinien zwischen Musik, Kunst und Subkultur, deren Konflikte stets neu ausgehandelt werden mussten, die gleichzeitig aber auch eigene Formen des Künstlerischen entwarfen, in denen Elemente des Punks mit solchen früherer Performance-Traditionen vereint wurden. Und umgekehrt entstanden natürlich auch Formen des Jugendkulturellen, welche die Öffnung zu den Avantgarde-Traditionen des 20. Jahrhunderts nicht scheuten.

Neben den bis heute bekannten Musik-Performance-Gruppen wie DIE TÖDLICHE DORIS, EINSTÜRZENDE NEUBAUTEN, MDK oder NOTORISCHE REFLEXE entstanden in diesem Umfeld auch eine ganze Reihe von Experimentalfilmen, beispielsweise Hüpfen 82 (Horst Markgraf, Rolf S. Wolkenstein), Berliner Küchenmusik (Die Tödliche Doris) oder Formel Super VIII (Stiletto). Neben den Verbindungen, die diese Filme zu älteren Traditionen des Experimentalfilms und der visuellen Künste, etwa zu Dada oder Fluxus, eingehen, fällt an diesen Filmen vor allem der Bezug zu Konzepten des Punks auf: Die augenfällig Materialität des Super-8-Films dient hier seltener der Reflexion auf das Medium, sondern bezieht sich auf die Minimalistische Ästhetik des Punks und die Sichtbarkeit der ökonomischen, nicht der medialen Produktionsbedingungen, ganz im Sinne einer Trash- oder Müllästhetik. Die ikonoklastischen Tendenzen greifen zwar auf das künstlerische Vokabular von Dada, Situationismus und Sponti-Szene zurück; allerdings funktioniert die Kritik am „Spießbürgerlichen“ hier vor allem als Kritik am Alltäglichen, ideologisch Verblendeten. Am Auffälligsten ist der Einfluss des Punks aber in der elegischen Feier des Dilettantismus, in der eine unprofessionelle, unverkrampfte Do-it-yourself-Kultur unter dem Motto „Spaß statt Können“ das Konzept der isolierten, professionellen Künstlerfigur ersetzt.

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