Es gibt mehr als nur Arthouse und Cineplex

DIY-Cinema. Alternative Erfahrungsräume des Kinos

Filmwissenschaft

Berlin Schöneberg, 15. September 1971: Eine Gruppe von politisch interessierten Schwulen trifft sich im Kino Arsenal, nicht nur, um über einen Film zu diskutieren, sondern diesen zum Anstoß zu nehmen, selbst politisch aktiv zu werden. Nur wenige Monate zuvor, am 3. Juli, hatte NICHT DER HOMOSEXUELLE IST PERVERS, SONDERN DIE SITUATION, IN DER ER LEBT im Jungen Forum der Berlinale Premiere gehabt, ein agitatorischer Film über Konsumorientierung und Heteronormativität der Schwulenszene. Von Beginn an war er ein Stein des Anstoßes und Auslöser für heftige Diskussionen gewesen: Durfte man Schwule derart negativ darstellen? Wie konnte man eine politisch korrekte Repräsentation außerhalb heteronormativer Erwartungen gestalten? Welche Formen und Mechanismen von Sichtbarkeit wollte man?

Die Diskussionen waren durchaus beabsichtigt und auch gezielt inszeniert: Anstelle einer klassischen Filmauswertung (und vor seiner konfliktreichen Fernsehausstrahlung im Jahr darauf) tourten die beiden Filmemacher, der Regisseur Rosa von Praunheim und der Soziologe und Sexualwissenschaftler Martin Dannecker, mit ihrem Film durch westdeutsche Kinos und alternative Spielstätten und riefen zur Gründung politischer Aktionsgruppen auf. Mit Erfolg: Auf dem Treffen im Kino Arsenal wurde die Homosexuelle Aktionsgruppe Westberlin (HAW) gegründet; es folgten die Homosexuelle Aktionsgruppe Saarbrücken (HAS) und München (HAM), die gay liberation front in Köln oder die Rote Zelle Schwul (Rotzschwul) in Frankfurt/M. Bereits 1972 konnten über 30 verschiedene Gruppen in Westdeutschland verzeichnet werden. Als Kinofilm ist NICHT DER HOMOSEXUELLE IST PERVERS daher ungewöhnlich: Statt den Zuschauer im kinematografischen Apparat zu isolieren oder ihn in abstrakten Interpretationsgemeinschaften zu verorten, forciert er eine subkulturelle Kollektivität als Ausgangspunkt weiterer politischer Aktionen...

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Zitation: Kulle, Daniel (2013): DIY-Cinema. Alternative Erfahrungsräume im Kino. In: Keitz, Ursula von, Daniel Kulle & Marcus Stieglegger, Hg.: Erfahrungsraum Kino. Augenblick 56/57, Konstanzer Hefte zur Medienwissenschaft, 151-167.