Boom!

Sehen mit dem Körper

Filmwissenschaft

Die Explosion ist überwältigend. Trinity, in ihrem glänzendem Latexanzug, stürzt einen Abgrund hinunter und landet elegant, das eine Bein zur Seite gespreizt, während sich hinter ihr das Flammenmeer nach vorne wälzt. Ich sitze im Kino und schaue The Matrix: Reloaded. Mein Körper ist erstaunt über die Akrobatik Trinitys, erschreckt vor der Explosion. Ich bin beeindruckt und merke an mir selbst, dass ich beeindruckt bin.

Selbstverständlich geht es bei solcher Überwältigungsästhetik im Kino genau darum: Wir werden überwältigt und gefangen, aber wir sind uns der Überwältigung bewusst und genießen sie. Denn deswegen sind wir ins Kino gegangen. Es ging uns bei diesem Kinobesuch nicht – oder nicht primär – um das Filmverstehen, das kognitive, semantische Interpretieren dessen, was da auf der Leinwand geschieht, sondern um die unheimliche Verbindung, die unsere Körper zur Kinoleinwand eingehen. Das Verstehen kommt später.

Trinitys Sprung zeigt daher recht gut, wie Wahrnehmung im Kino funktioniert: Das Sehen ist kein Abbildprozess. Gegenstände werden nicht einfach in unserer Retina gespiegelt, um dann im Gehirn gespeicherten Erinnerungen zugeordnet zu werden. Wahrnehmung ist vielmehr ein komplexer Konstruktionskomplex, der verschiedene Sinnesreize miteinander und mit unserem Wissen über die Welt und uns selbst in Beziehung setzt.

Zitation: Kulle, Daniel (2013): «Sehen mit dem Körper». KM Kulturmanagement, 76, 14-15.

Weiterlesen? Hier gibt es das gesamte Heft zum kostenlosen Download